Boas und Nachfolger
Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInnen dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?
Die relativistische Haltung der nordamerikanischen Anthropologie wird allgemein mit seinem Begründer Franz Boas (1858-1942), und den NachfolgerInnen den so genannten „Boasins“ verbunden. Um aufzuzeigen wie die NachfolgerInnen seinen relativistischen Ansatz umsetzten und weiterentwickelten, erscheint es sinnvoll den Kulturrelativismus des Franz Boas, zeitlich einzuordnen, wie in seinen Inhalten und Konzepten darzustellen.
„Der Kulturrelativismus entstand als Reaktion auf den Rassismus und den Evolutionismus des 19. Jahrhunderts“(4). 1896 veröffentlichte Boas den Artikel: „the limitations of comparative method“ indem er den Evolutionismus eines Louis Henry Morgans und Edward B. Tylors kritisierte, und in Frage stellte. Nach der Veröffentlichung von „the mind of a primitive man“ (1911) war sein Ansatz klar definiert, was die Folge eines Paradigmawechsels in der nordamerikanischen Anthropologie hatte.
Boas ermutigte und unterstützte den „four-field-approach“, welcher aus physischer Anthropologie, Sprachwissenschaft, Archäologie und Kulturanthropologie zusammengesetzt ist. Methodisch war ihm die Feldforschung wichtig, da für ihn klar war, dass man weg von der „Armchair-Anthropology“ musste. Bei ihm war es noch keine „teilnehmende Beobachtung“, wie sie später von Bronislaw Malinowski in die Anthropologie eingeführt wurde. Boas forschte hauptsächlich bei indigenen Völkern Nordamerikas wie den „Kwakiutl.“
Er verabschiedete sich von der ethnozentrischen Sichtweise der Evolutionisten. Für ihn war Kultur kein Synonym für Zivilisation. Boas verstand Kulturen als gleichwertig. Kulturen wären nur aus sich selbst heraus erklär- und erfahrbar, in ihren eigenen Bedingungen, Beziehungen, in ihrer Sprache, durch ihre eigene Geschichte und Entwicklung(2). „Für Nicht-Spezialisten lässt sich eine fremde Kultur nicht erklären und erfahren. Kulturen sind demnach auch niemals vergleichbar. Es entwickelte sich aus dieser Anschauung ein harter und ein weicher Kulturrelativismus“(5). Kultur wird bei Boas als funktionales Ganzes verstanden, was man als „holistische“ Sichtweise bezeichnet(4).
Die Sprache der indigenen Kultur zu erlernen spielte für ihn eine sehr wichtige Rolle, denn Kultur war für ihn wie Sprache (7), und damit könne man die Gefühlswelt verstehen: „It emphasized language, both in its insistence upon working with texts in the native languages and in ist view that language was an entry into mental states of the natives“(3: 201). Boas lehnte Verallgemeinerungen und vergleichende Methoden ab. Für Boas galt die relative Autonomie eines kulturellen Phänomens.
Seine Schwerpunkte setzte Boas in den historischen Partikularismus, und in die psychologischen Aspekte(3). Historischer Partikularismus bedeutet: „geschichtliche Rekonstruktion anstelle entwicklungsgeschichtlicher Rekonstruktion; die Geschichte jeder Kultur ist einzigartig und daher spezifisch zu untersuchen (auf keinen Fall dürfen Kulturen evolutionistisch eingestuft werden)“(1). „Jede Kultur ist das Resultat einer besonderen Geschichte und somit einzigartig“ (4). Das Verhalten und die Tradition wären durch die Kultur bestimmt(6). Die psychologischen Aspekte fragten einerseits in der mentalistischen Richtung, nach dem Unterschied individueller Gedanken und Gefühle in einer Kultur, wie in verschiedenen Kulturen voneinander, und andererseits in der integrationistischen Richtung wie verschiedene Eigenschaften und Charakterzüge zusammenpassen.
Zwischen diesen angesprochenen Gedankensträngen bewegte sich Boas selbst hin und her, und sie wurden von seinen NachfolgerInnen sehr unterschiedlich aufgenommen und umgesetzt, weshalb sie sich auch sehr voneinander unterscheiden.
Man unterscheidet zwischen drei Generationen der NachfolgerInnen von Boas. Die erste Generation bestand aus Kroeber, Lowie, Leslie Spiers, Herskovits, Wissler und Speck. Die zweite Generation aus Sapir und Whorf und die dritte Generation, aus Margret Mead und Ruth Benedict (3). Ich werde im Folgenden ihre Unterschiede, Gemeinsamkeiten, Richtungen und Zugänge zum Kulturrelativismus beschreiben, und wie sie ihn weiterentwickelten, dabei werde ich mich auf die wichtigsten seiner SchülerInnen konzentrieren. Außerdem erscheint es wichtig, zwischen weichen und harten Kulturrelativisten zu unterscheiden.
Alfred Kroeber (1876-1960) gilt als weicher Kulturrelativist(7). Er entwickelte den historischen Schwerpunkt von Boas weiter, setzte jedoch seine eigenen und unterschied sich dadurch von seinem Lehrer. In Kroebers bekanntestem Werk „The Superorganic“(1917) behauptet er, dass kulturelle Phänomene unabhängig zu Organischen stehen(3).
„Das Überorganische der Kultur, das ausschließlich Ideelle, konzentriert sich demzufolge in so genannten "key symbols" - mit diesen lasse sich Kultur festmachen.“(5)
Im Gegensatz zu Boas schloss er in seinem Konzept jede Rolle des kulturellen Determinismus für das individuelle, persönliche und psychologische aus. Er leitete das „Culture Area“ Projekt welches sich um die Aussortierung ethnologischrelevanter Gebiete in Nordamerika bemühte, und sein nachfolgendes Projekt „The Culture Element“ endete in einem Chaos.
Franz Boas selbst war nie ein großer Bewunderer von Alfred Kroeber.
Edward Sapir (1884-1939) hatte großen Einfluss auf die Entwicklung der amerikanischen Sprachwissenschaft. „Er war einer der ersten, der die Beziehungen zwischen dem Studium der Sprache und der Anthropologie erforschte“(8). Wesentlich herauszustreichen ist, dass Sapir den Ansatz von Boas „Kultur ist wie Sprache“ weiterentwickelt. Er unterrichtete in Yale eine Gruppe von wichtigen Anthropologen in „American Indian Languages“.
In den 1920er Jahren fragten sich Boas und Sapir was die passenden Modelle für den linguistischen und kulturellen Wandel wären. „it was a conflict over a very definition of history“(3). Für Sapir standen die genetischen Zusammenhänge von Sprache über Diffusion, da er historische Rekonstruktion basierend auf linguistischen Beweisen durchführte.
Es kam zu Kontroversen von Sapir mit den anderen „Boasins“, da er Kultur nicht nur als Zwang bzw. als Einschränkung verstand. Aufgrund dessen war er mehr im Lager der Linguisten als bei den Anthropologen angesiedelt, blieb aber die Führungsfigur von Ruth Benedict und Margret Mead in der „culture and personality school“.
Sehr bekannt wurde Sapir durch die Zusammenarbeit mit Benjamin Lee Whorf (1897-1941). Sie arbeiteten an den linguistischen Theorien von Edward Sapir weiter, und stellten die so genannte „Sapir-Whorf Hypothese“ auf, welche als „linguistisches Relativitätsprinzip“ bekannt wurde (3). Ihre These lautet: „Sprache prägt das Denken, und das Denken die Wirklichkeit“(7). „Denken und Wahrnehmung sind dadurch, daß sie von Sprache beeinflusst sind, relativ => linguistisches Relativitätsprinzip(9). „Unser Denken ist als Schlußfolgerung eindeutig von unserer Muttersprache beeinflusst.“(9). Demnach würden Menschen in verschiedenen Kulturen verschieden denken und hätten eine andere Wahrnehmung:
„ Consistent with a radical cultural relativism, the hypothesis implies that, for example, Hopi Indians see and perceive the world in a fundamentally different way from Westerners, due to differences in the structure of their respective languages”(2).
Sapir und Whorf gelten als harte Kulturrelativisten mit Ansätzen von „Nationaldenken“. (7)
Robert H. Lowie (1883-1957) gilt als weicher Kulturrelativist, und laut Professor Dr. Gringrich vertritt er das Beste vom Erbe Boas. Er führte in den 30er Jahren wichtige Untersuchungen über indigene Völker in Nordamerika durch (7)
Obwohl er wie Boas evolutionistische Konzepte kritisierte und seinen Lehrer immer wieder verteidigte, war er einer der ersten amerikanischen Anthropologen der eine vergleichende, analytische Arbeit unter dem funktionalistischen Blickwinkel verfasste.
Der psychologische, integrationistische Schwerpunkt den Boas setzte, wurde in den 1920er Jahren berühmt. Dieser war durch die Psychoanalyse und Gestaltpsychologie beeinflusst. Jene die weiterhin Boas folgten waren in der „culture-and-personality school“ anzutreffen. Wichtige Vertreter waren Mead, Benedict, Irving Hallowell, Ralph Linton und Clyde Kulckholm.
Margaret Mead (1901-1978) forschte in Neu Guinea, Polynesien, im Pazifik und in Indonesien. Für ihre Forschungsreise erstellte ihr Boas ein Forschungsthema. Sie sollte über das Verhalten in der Zeit der Pubertät in Samoa forschen. Damit wollte man auch die Werte der amerikanischen Gesellschaft hinterfragen, da die Pubertät in Amerika wie bei uns eine hormonell, biologisch bedingte schwierige Zeit ist. Mead wollte mit dieser Studie beweisen, dass die Pubertät in Samoa eine sehr schöne, angenehme Zeit für die Betroffenen ist(7). Die Studie war geprägt von dem psychologischen Interesse Boas. Mead arbeitete mit „teilnehmender Beobachtung“. Ihre Studie auf Samoa brachte ihr neben viel Erfolg auch viel Kritik ein. Dass die Pubertät eine schwierige Zeit ist wurde als Universalie angenommen, und ein Gegenbeweis hätte ihre Studie vom Tisch geräumt und so wurde sie z.b von Derek Freeman kritisiert: „sie habe eine romantische und idealisierte Sichtweise gehabt, sei zu kurz nur im Feld gewesen, lebte unter Weißen, habe nur mangelnde Sprachkenntnisse gehabt“ (10).
Ruth Benedict (1887-1948) war es, die das integrationistische Interesse von Franz Boas zu seinem vollen Ausdruck brachte. Sie legte ihren Schwerpunkt auf das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, wobei sie von den Konzepten Sapirs beeinflusst war. In ihrem Werk „The Patterns of Culture“ setzt sie den Kulturrelativismus auf die höchste Stufe (3). Benedict verstand Kultur in dem Sinn, dass sie eine Reihe von Kulturelementen zur Verfügung hat, und sich aus diesem Kulturpool bestimmte Merkmale ausprägen (10). „Nach Benedict hat jede Kultur ihr "pattern of culture", es gibt aber nur eine beschränkte Anzahl von Kulturtypen“ (10).
Benedict versuchte Unterschiede zwischen Kulturen insbesondere deren Verhaltensmuster herauszuarbeiten. Sie unterschied zwischen appolinischen (fröhlichen, feiernden)und dyonisischen (zurückgezogenen, seriös verhaltenden) Kulturen
Leider kippte die „culture and personality school“ in die chauvinistische, nationalistische Richtung, weil Kulturen stereotypisiert wurden, und diese Arbeiten sehr schnell negativ benutzbar sind(7). Es folgten die so genannten „Nationalcharakterstudien“ wie z.b Ruth Benedicts „The Chrysanthemum and the Sward“ (1946) in der sie für die amerikanische Regierung über die japanische Persönlichkeit und Kultur schreibt, damit man den Feind besser kennen lerne. Bei diesen Studien unternahm sie keine Feldforschungen, sondern interviewte japanische Gefangene, setzte sich mit den vorhandenen Publikationen auseinander, und betrieb literarische Studien.
Nach dieser Phase war die Anthropologie in Nordamerika bereit für eine neue Ära (3).
Trotz einiger Kritik spielten viele Theorien und Konzepte, die von Boas und seinen NachfolgerInnen erarbeit wurden, eine große Rolle in der Entwicklung unserer Disziplin.
Quellenangabe:
(1)= http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/kulturrelativismus.html
(2)= Thomas Eriksen: Small Places, Large Issues S13-15
(3)= One discipline, four ways: Sydel Silverman: The Boasins and the Invention of Cultural Anthropology.
(4)= http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/franz_boas.html
(5)= http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Kroeber
(6)= Geschichtetutorium am 9.12
(7)= LV Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie: Prof. Andre Gingrich 9.11.05
(8)= http://de.wikipedia.org/wiki/Edward_Sapir
(9)= http://santana.uni-muenster.de/Linguistik/user/steiner/semindex/sapir.html
(10)= http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/ruth_benedict.html
(11)= http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/margaret_mead.html
